Der Verlag

Hans-Martin Theopold 110 Jahre

Ansprache Detmold 22.4.2014 (Wolf-Dieter Seiffert)

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

es ist mir eine große Freude und Ehre, heute, zusammen mit Ihnen, den 110. Geburtstag des Pianisten und Pädagogen Hans-Martin Theopold zu feiern und ihn und sein Wirken zu würdigen. Ich darf mich persönlich sowie namens des Henle Verlags ganz herzlich bei Margot Theopold für die großartige Idee zu dieser Gedenkfeier bedanken. Gerne bin ich aus München nach Detmold gekommen, denn für den Henle Verlag spielte und spielt bis heute Hans-Martin Theopold eine herausragende Rolle. Und für ihn selbst stellte die knapp 30-jährige enge Zusammenarbeit mit meinem Haus ebenfalls etwas ganz Besonderes dar.

Man kann die Bedeutung Theopolds für den Henle Verlag zunächst einmal in bloßen Zahlen ermessen: Wenn ich mich nicht verzählt habe, sind es insgesamt 226 einzelne Henle-Urtextausgaben, zu denen Hans-Martin Theopold seine persönlichen Fingersätze beigesteuert hat. Das ist freilich ein bis heute unerreichter Superlativ, denn es handelt sich damit um etwa eintausend Einzelwerke und um weit über 10.000 Druckseiten. Und nicht nur diese schiere Quantität beeindruckt, sondern vor allem die Werke selbst, um die es hier geht. Hans-Martin Theopold hat nämlich, als Mann der ersten Verlagsstunden, -wochen und -jahre, im Prinzip sämtliche großen Klavierwerke der abendländischen Musikgeschichte bearbeitet: Nahezu das gesamte Klavierwerk von Bach, Chopin, Debussy, Haydn, Liszt, Mendelssohn, Mozart, Schubert, Schumann; daneben Fingersätze zu etlichen einzelnen Ausgaben, unter anderem zu Werken Beethovens und zu zahlreichen Klavier-Kammermusikwerken. Alle diese Urtextausgaben werden bis heute vom Henle Verlag weltweit verbreitet. Millionen Klavierspieler nutzen Theopolds Fingersätze. Das ist ein wahres Vermächtnis und eine Leistung, vor der man nur mit tiefer Verbeugung seinen Hut ziehen kann.

Ich erinnere mich noch recht genau daran, wie Hans-Martin Theopold zusammen mit seiner Ehefrau Margot im Jahre 1994 unseren Verlag besuchte. Mein Vorgänger, Dr. Martin Bente, feierte damals sein 25. Firmenjubiläum, und die Theopolds kamen eigens angereist und haben sich dabei auch in unserem Gästebuch verewigt. Mir bleibt ein sehr für sich einnehmender Grandseigneur in Erinnerung, ein groß gewachsener Herr alter Schule, lebhaft, ja schalkhaft erzählend. Mit leuchtenden Augen erzählte über so manche Begebenheit, über so manches seiner Konzerte der Vergangenheit. Ich meine mich sogar an Ozeanfahrten zu erinnern, auf denen er als Klavier-Entertainer auftrat; vielleicht irre ich mich da aber auch. Natürlich sprachen wir auch über das Thema „Urtext mit oder ohne Fingersatz“ – ein Dauerbrenner, bis heute.

Das ist jetzt auch schon wieder 20 Jahre her, aber Theopolds Name ist in unserem Verlagshaus nach wie vor sehr präsent. Natürlich zum einen, weil er in all unseren Verlagskatalogen so prominent und so überaus häufig auftaucht. Zum anderen aber auch deshalb, weil bis heute Pianisten immer wieder mehr oder weniger laut über seine Fingersätze schimpfen (gelobt wird bekanntlich selten unter Musikern!). Ich will Ihnen an dieser Stelle auch nicht verheimlichen, dass die kritischen Äußerungen zu Theopolds Fingersätzen in den letzten Jahren sogar immer lauter werden. Es scheint also, dass auch Klavier-Fingersatz ein stärker zeitgebundenes Phänomen darstellt, als wir gedacht hätten, so, wie ja bekanntlich die Streicher von heute die Spieleinrichtungen der großen Alten inzwischen kategorisch ablehnen.

Das prinzipielle, systemimmanente Problem ist bekannt: Fingersatz, noch dazu gedruckter, wirkt unmittelbar auf die Handhaltung und damit auf die Spielhaltung und damit auf die Artikulation und Interpretation ein. Die Grenze zwischen Hilfestellung und künstlerischer Beeinflussung ist mithin fließend und durchaus nicht unproblematisch. Außerdem lässt sich gar nicht jeder Fingersatz von jeder Hand realisieren, denn jede menschliche Hand hat letztlich ihre ganz eigene Physiognomie.

Da kann es nicht ausbleiben, dass Kritik laut wird. Niemand wusste das besser als Hans-Martin Theopold. Er trat mit Günter Henle gleich zu Beginn der Verlagsgründung 1948 in ersten Kontakt– und zwar sogleich mit recht deutlicher Kritik am Prinzip der mit Fingersatz versehenen ersten Urtextausgaben: die Klaviersonaten Mozarts mit dem Fingersatz von Walter Lampe und den Impromptus Schuberts mit dem Fingersatz von Walter Gieseking. Für ihn, Theopold, stellte diese Kombination einen Widerspruch in sich dar: Originalgetreue Noten, versehen mit Spielhilfen von außen, das ging für ihn zunächst einfach nicht zusammen: „Denn Fingersätze sind und bleiben trotz aller Qualität eine individuelle Angelegenheit“ – schreibt er an Günter Henle am 26. Mai 1949.

Woher ich das weiß? Nun, an dieser Stelle muss ich einer weiteren Detmolder Initiative herzlich danken: Herr Bibliotheksdirektor Dr. Eberhardt trat vergangenes Jahr mit der überraschenden Anfrage an mich heran, ob in unserem Archiv nicht Korrespondenz zwischen Hans-Martin Theopold und Günter Henle existiere, und ob wir uns vorstellen könnten, diese Originalkorrespondenz dauerhaft dem gerade an der Lippischen Landesbibliothek im Entstehen begriffenen Theopold-Archiv zu überlassen. In der Tat füllen vier dicke Aktenordner einen regen Briefwechsel der beiden Protagonisten – eine intensive Fach-Korrespondenz zwischen 1948 und 1976. Ungezählte Briefe und Postkarten gingen zunächst zwischen Würzburg und Duisburg, später dann zwischen Detmold und Duisburg oder München hin und her. Ich zögerte nicht, der Bitte Herrn Eberhardts nachzukommen und freue mich nun aufrichtig, dass damit diese wertvollen Zeugnisse einer interessierten Öffentlichkeit dauerhaft zugänglich gemacht werden. Ich meine schon, dass es sich lohnt, sich dieser Korrespondenz ein wenig intensiver zu widmen und danke Herrn Eberhardt sehr herzlich für seine weitsichtige Initiative. Ich selbst habe jedenfalls beim Blättern und Schmöckern in dieser bislang in unseren Archiven schlummernden Korrespondenz viel Interessantes und mir Neues entdeckt – und will in der Folge einige Aspekte daraus präsentieren.

Günter Henles Standpunkt war von Beginn an klar und stand nicht zur Disposition: Ohne Fingersatz kein Erfolg bei der Zielgruppe. Nach über 60 Jahren Henle Verlag kann man ihm dafür nur danken, denn, trotz aller gelegentlichen Aufregung über Fingersatz im Urtext in professionellen Fachkreisen baut unser Erfolg vor allem auch auf den beigegeben Fingersätzen auf. Hans-Martin Theopold, der Günter Henles Bestrebungen in Hinsicht auf Urtextausgaben stark begrüßte und von Beginn an, also ab 1948, regelmäßig mit ihm deswegen in Kontakt trat, ahnte freilich schon, dass Henles strategische Ausrichtung richtig war, auch wenn er sie damals noch heftig missbilligte: „die breite Menge der Käufer will nun einmal vorgekaute Fingersatz-Ausgaben“. 1952, als die ersten Bach-Werke im Henle-Katalog erschienen waren, fühlte sich Theopold noch stärker in seiner Ablehnung gegenüber Fingersatz bestärkt. Heute, 2014, könnte ich ihm im Sinne Günter Henles mit einfachen Fakten antworten: so haben wir seit vielen Jahren das Klavier-Gesamtwerk Bachs im Katalog sowohl mit Theopolds Fingersätzen wie auch, im identischen Urtext, gänzlich ohne Fingersatz. Zum selben Preis. Das Verkaufsverhältnis beträgt „mit“ 10  zu „ohne“ 1.

Als dann im Henle-Verlag sämtliche Beethoven-Sonaten mit dem Fingersatz des großen, in Lippstadt gebürtigen Conrad Hansen, Schüler Edwin Fischers und Mitbegründer der Musikhochschule Detmold, erschienen waren, kommentiert Theopold: „ich empfing durch diese Ausgabe teils Anregungen bester Arbeit, teils forderte sie meinen Widerspruch heraus“. (3.8.1953).

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Günter Henle den Fingersatz fast aller Neuerscheinungen seinem Klavierlehrer, dem Pianisten und bekannten Münchener und Salzburger Professoren Walter Lampe, anvertraut; Gieseking bei Schubert und Hansen bei Beethoven waren die Ausnahme. Ich vermute, dass Günter Henle von der klaren Meinung Theopolds zunehmend beeindruckt war: er verpackte seine Kritik in höfliche Worte und verband sie mit zahlreichen konkreten Beispielen. Henle mochte keine Ja-Sager, ihm musste der klare Standpunkt gefallen, der ihm auch half, den Markt und seine Zielrichtung besser kennenzulernen. Theopold war außerdem unzweifelhaft in hohem Maße an dem Wohl und Wachsen des jungen Verlags interessiert. Nahezu ausschließlich geht es in den Briefen aus dieser Frühzeit um Lesarten und vermeintliche Notentextfehler der Überlieferung oder des Notenstichs, nicht um Fingersatzfragen. Von der Akribie und Leistungsfähigkeit des Henle Verlags zeigte sich Theopold immer stärker beeindruckt: „Ach, wäre sich doch auch andere Verleger der großen Verantwortung bewusst, welche in der Aufgabe gegeben ist, dem Spieler einen möglichst originalgetreuen Text in die Hand zu geben!“ (6.12.55).

Es muss am 22. Juli 1954 gewesen sein, als Henle anlässlich einer persönlichen Begegnung mit Hans-Martin Theopold diesen zu dem Versuch einer ersten Fingersatz-Arbeit für den Verlag überreden, wenn nicht gar überzeugen konnte. Im Januar 55 war es dann soweit: man wurde sich handelseinig über die Klaviertänze Franz Schuberts. Es dauerte dann zwar noch fast 2 Jahre, bevor Theopold das erste gedruckte Exemplar seiner neuen, ursprünglich so strikt abgelehnten Tätigkeit in Händen halten konnte, aber er hatte an der Zusammenarbeit mit Henle sozusagen Blut geleckt. Weitere Aufträge waren bereits in Arbeit. Es sollte eine große gemeinsame Erfolgsgeschichte werden.

Günter Henle erkannte in Theopold den höchst erfahrenen Klavierlehrer, der die Fallstricke der Stücke kannte und mit vielen Schülern erfolgreich erprobt hatte, der ein breites Repertoire abdeckte und mit großem Interesse und wertvollen konkreten Hinweisen immer auch an Textfragen neuer Ausgaben mitwirkte. Günter Henle pflegte zwar intensiv Kontakte und manche Freundschaft mit zahlreichen international herausragenden Musikern, wie Rubinstein, Arrau, Barenboim, Horszowski, Backhaus, um nur einige der Pianisten zu nennen, jedoch den Fingersatz zu seinen Urtextausgaben sollten diese nicht machen. Theopold lieferte solide, zuverlässig funktionierende, nicht avandgardistisch-hyperindividuelle Fingersätze, die auch und vor allem von Klavierschülern und Lehrern angewandt werden konnten, und das auch noch pünktlich und zuverlässig. Ein im Verlagsleben nicht unwesentlicher Aspekt.

Günter Henle, selbst ein sehr guter Klavierspieler, probierte jeden einzelnen Fingersatz durch. Er zeigte sich von Beginn an zufrieden mit Theopolds Arbeit: „Ich habe in den letzten Tagen ein wenig darin gespielt /Schubert-Tänze/ und mich bei Ihrem Fingersatz sehr wohl gefühlt“ (29.12.56). Einmal heißt es: „Zur Abwechslung möchte ich aber wieder einmal sagen, dass es mir ein Vergnügen war, mich in Ihren Fingersätzen zu bewegen. Ein paar neuartige Einfälle haben mich besonders erfreut“ (12.8.59).

Ungezählt sind die detaillierten Diskussionen um das Thema Fingersatz in der Korrespondenz der Folgezeit. Mal geht es um zu viel Ziffern, mal um zu wenig, mal wird die Frage der Ästhetik der optimalen Platzierung von Ziffern diskutiert, mal der Sinn oder Unsinn von Fingersatz-Häckchen zur Anzeige der Handverteilung besprochen. Theopold hatte in Günter Henle ein pianistisch-technisches Schwergewicht gegenüber, und er wusste auch, dass sich Henle im Zweifel immer aufgrund seiner Position als Eigentümer des Verlags in Zweifelsfällen durchsetzen konnte. So führt er seine Lösungen meist mit starker Begründung vor, nicht ohne einen gewissen Dickkopf. Doch Henle hatte eine wunderbar diplomatisch-insistierende Art, seine Kritik zu äußern, der sich dann schließlich Theopold ohne Groll unterordnete. Das liest sich dann so: „Ich weiß, daß Sie /Theopold/ gerne bereit sind den Daumen auf die schwarzen Tasten steigen zu lassen. Aber es gibt auch ebensoviele Gegner dieser Bergpartie. So werden Sie unter den Fingersätzen von Schnabel kaum einmal solch einen Fall … finden; ebenso war Gieseking ein Gegner hiervon…. Ich selbst bin … bereitwillig Bergsteiger! Ich bin nur gegen Festlegungen in diskutablen Fällen“ (12.8.59).

Ab 1961 häufen sich dann die Aufträge und allmählich gab es für Günter Henle nur noch einen, dem er die Fingersätze für seine Neuausgaben anvertraute. Und sogar bereits erschienene Ausgaben wurden allmählich hinsichtlich der alten Fingersätze erneuert, selbst wenn es um solche seines bewunderten Lehrers Walter Lampe ging. Theopold hatte daran keinen geringen Anteil. Er nahm zum Beispiel  im Falle der Bachschen Inventionen kein Blatt vor den Mund und setzte mit einem einzigen Brief eine Neuausgabe durch: „Die Fingersätze von Herrn Professor Lampe erscheinen mir, um es ganz offen zu sagen, hier ausgesprochen schlecht zu sein. … (es) wäre dringend geboten, dass hier eine mit sinnvollen Fingersätzen versehene Urtextausgabe vorliegt“ (31.12.61).

Inzwischen weiß unser Lektorat und ich solche emotional gefärbten Äußerungen gelassen zu bewerten: Briefe bzw. E-Mails mit fast identischem Wortlaut, auch und vor allem zu Fingersätzen Hans-Martin Theopolds, gehen bei uns häufig genug ein. Sie verweisen letztlich nur auf den höchst individuellen Charakter jedweden Fingersatzes. Nur selten stimmt man mit allem überein, was man da geboten bekommt, manchmal eben mit nur ganz Wenigem. Die hier anwesenden Musiker werden mir zustimmen. Wichtig ist allein das Verständnis dafür, dass Fingersätze gewissermaßen eine subjektive Einzelmeinung darstellen, eine gut gemeinte Hilfestellung, die durchaus auf die jeweilige Gegebenheit mit Bleistift und Radiergummi oder gar mit Tipp-Ex anzupassen ist.

Ausnahmecharakter kommt in jedem Fall dem fast symbiotischen Gleichklang in solchen Fragen zwischen Theopold und Henle zu. Beim Verfassen dieser kleinen Ansprache kam mir der Gedanke, ob beide Männer nicht sogar sehr ähnliche Hände hatten. In wenigen Jahren wurde jedenfalls aus dem Urtext-Fingersatz-Verächter Theopold ein wahrer Spezialist dafür, der ganz offensichtlich seine Methode gefunden hatte, um den sich häufenden Aufträgen auch terminlich gerecht zu werden. Tatsächlich formulierte Theopold in einem Brief vom 22.1.1961 in acht knappen Punkten seine Herangehensweise. Es fehlt hier die Zeit, um ins Detail zu gehen. Zusammen mit den grundsätzlichen Regeln des Hauses Henle schälten sich um diese Zeit herum jedenfalls Regularien heraus, die heute zum Teil auf die nicht ganz unberechtigte Kritik des Schematischen zielen. Dass sich Theopold jedoch immer intensiv mit seiner jeweiligen Aufgabenstellung befasste und an seinen Fingersätzen feilte, belegt folgende Briefstelle vom 11.4. 1962: „erfahrungsgemäß ist das wiederholte Durchspielen äusserst fruchtbar; heute glücklich erscheinende Dispositionen erscheinen morgen fragwürdig, und es braucht eben etwas Muße, bis aus dem Most ein klarer Wein wird.“ Übrigens, das sollte nicht verschwiegen werden, entwickelte sich die Zusammenarbeit für Theopold allmählich auch zu einer lukrativen Nebeneinnahme – auch hierüber gibt natürlich die Korrespondenz verlässlich Auskunft.

Das Verhältnis der beiden Männer war von großem Vertrauen und gegenseitigem Respekt geprägt. Der Ton wird zwar im Verlauf der Korrespondenz weniger förmlich, bleibt aber doch stets sachorientiert. Eine besonders berührende Stelle findet sich jedoch zu Jahresbeginn 1961. Günter Henle hatte auf Bitten Theopolds hin, einen wohl erheblichen Geldbetrag für mittellose Studenten der Detmolder Musikakademie gespendet. Theopold reagiert pathetisch-gerührt: „es gibt in unserem durch menschliche Unzulänglichkeiten getrübten Dasein immer wieder Begebenheiten, welche uns allen Widerwärtigkeiten zum Trotz das Leben schön und lebenswert erscheinen lassen. Zu diesen ermutigenden Ereignissen, welche Freude und Auftrieb schenken, muss ich die Überraschung rechnen, welche mir Ihr Einschreiben vom 21. des Monats bereitet hat.“ (26.1.61).

Mit welcher Hingabe sich Theopold teilweise auch den technischen Details des Notensatzes auseinandersetzte, kann man der Korrespondenz ebenfalls entnehmen; das muss Günter Henle ebenfalls beeindruckt haben, war doch gerade auch dieses Gebiet der Notenästhetik ein für ihn besonders wichtiges Teilgebiet seines Verlegerdaseins. Theopold diskutierte manchmal sogar in direkter Korrespondenz mit der Notenstecherei Stürtz in Würzburg, wie zum Beispiel über passende Rastralgrößen, Notenhals- und Balkenverhältnisse etc.

Theopold, ich hatte es schon bemerkt, hatte ein klares Urteil. Im Falle Schumanns beispielsweise bemängelte er das Fehlen der Intermezzi op. 4 in der Henle-Auswahlausgabe, und stellt sie über die „Waldszenen“, deren „Herberge“ er stark abqualifiziert. Seiner Meinung nach sind auch Robert Schumanns originale Metronomangaben ernst zu nehmen, was durchaus gegen die seinerzeit herrschende Meinung stand, heute aber schon fast common sense ist (11.2.1965); so blieben diese Angaben trotz vielseitiger Widerstände aus Musikerkreisen in Henle-Urtextausgaben stehen. Seine Abneigung gegen die Musik Felix Mendelssohn Bartholdys allerdings weist auf eine ungute Tradition: „ich bin davon so peinlich betroffen /gemeint = Seitenthema des Rondo Capriccioso/ dass ich auch meinen Schülern keine solche Kost reichen mag … im übrigen glaube ich nicht an die Mendelssohn-Renaissance und fördere dieselbe auch nicht“ (2.2.1963). Seine Abneigung scheint dann aber doch nicht so heftig gewesen zu sein, denn schließlich hat Hans-Martin Theopold später alle Klavierausgaben dieses Komponisten im Henle Verlag „befingert“, wie wir in unserem derben Verlagsjaron sagen.

Gegen Mitte der 1970er-Jahre, nach deutlich über 200 (!) gemeinsamen Ausgaben und aberhunderten wechselseitiger Briefe erlahmte allmählich die Zusammenarbeit. Eine jüngere Generation von Lektoren, zunächst in Duisburg, dann in München, wollte im Henle Verlag offensichtlich auch mal gerne mit anderen Pianisten zusammenarbeiten. Die letzten sachbezogenen Briefe datieren von 1976, Günter Henle starb 1979. Eine fast 30-jährige, außerordentlich fruchtbare Zusammenarbeit war beendet. Hans-Martin Theopold hielt dem Henle Verlag auch danach stets die Treue. Zuletzt besuchte er uns, wie eingangs geschildert, noch im Jahre 1994. Es ist sehr schön, dass wir uns heute an ihn erinnern dürfen und seiner würdig gedenken.

Vielen Dank!